Es ist in dieser Arbeit mit dunkeladaptierten Keimlingen von Raphanus sativus gearbeitet worden. Dieses hat gewisse Vorzüge gegenüber dem Arbeiten mit etiolierten Pflanzen (§ 4). Das Dunkeladaptieren bestand darin, dass man die im Licht, im Gewächshaus gezüchteten Keimlinge etwa 10 Stunden im Dunkelzimmer verweilen lässt. Es hat sich gezeigt, dass dieses zur Folge hat: 1. Eine Verringerung der Wuchsstoffproduktion der Kotyledonen (§ 17). Eine Ausnahme machen sehr junge Pflanzen, welche noch nicht auf die Wuchsstoffproduktion unter Einfluss des Lichtes angewiesen sind. 2. Eine erhebliche Steigerung des Vermögens der Hypokotyle (vielleicht Zellwände) auf Wuchsstoff zu reagieren (§ 32, 35). Das Wachstum der Raphanus-Hypokotyle ist nicht etwa nur auf die Spitzenregion beschränkt, sondern ist vielmehr über das ganze Hypokotyl verteilt (§ 8). Entfernen wir die beiden Kotyledonen, so hört das Wachstum der oberen Zonen nach einer bestimmten Zeit ganz auf, um später wider einzusetzen. Dieses Wiederbeginnen des Wachstums der oberen Zonen ist auf das Einsetzen einer Wuchsstoffproduktion der Hypokotylspitze zurückzuführen (§ 9). Während des normalen Wachstums, liefern nur die Kotyledonen den Wuchsstoff (§ 9, 13). In grünen, dem Tageslicht ausgesetzen Kotyledonen findet eine Wuchsstoffproduktion unter Einfluss des Lichtes statt (§ 17). Licht hemmt das Längenwachstum der Hypokotyle nicht nur in den apikalen Teilen, sondern auch in den mehr basalen Teilen des Hypokotyls (§ 10). Diese Wachstumshemmung kann nicht erklärt werden mittels einer Hemmung der Wuchsstoff Produktion unter Einfluss des Lichtes (§ 15, 16, 30). Auch vermag weder eine Änderung des basipetalen Transportes des Wuchsstoffes (§ 21), noch eine Änderung des Wuchsstoffverbrauches (§ 22) unter Einfluss allseitiger Beleuchtung die Lichtwachtstumsreaktion der Raphanus- Hypokotyle zu erklären. Die Lichtwachtstumsreaktionen sind zu erklären mittels Änderungen des Vermögens der Organe (vielleicht Zellwände) auf Wuchsstoff zu reagieren (§ 30). Wie bei Avena-Koleoptilen vermag eine einseitige Beleuchtung auch bei Raphanus-Hypokotylen eine ungleiche Verteilung des Wuchsstoffes (Went-Effekt genannt) im Hypokotyl hervorzurufen. (§ 25). Ersetzt man die Spitze des Hypokotyls durch ein auxinhaltiges Agarwürfelchen, so vermag der Went-Effekt ebenfalls aufzutreten. Die Spitze der Pflanze ist also nicht unbedingt notwendig, um die ungleiche Wuchsstoffver- teilung unter Einfluss einseitiger Beleuchtung zu ermöglichen (§ 26). Es ist bewiesen worden, dass der Went-Effekt bei Raphanus dadurch zustandekommt, dass der Wuchsstoffstrom in der Richtung der Schattenseite abgelenkt wird (§ 27). Mit zunehmender Lichtmenge nimmt das Reaktionsvermögen des Hypokotyls für Wuchsstoff ab (§ 32). Bei einseitiger Beleuchtung ist die Lichtintensität an der Lichtseite 5.2-mal grösser als an der Schattenseite des Hypokotyls. Etiolierte Hypokotyle sind lichtdurchlässiger als dunkeladaptierte (§ 33). In einseitig beleuchteten Hypokotylen ist das Verhältnis zwischen den, infolge des Went-Effektes entstandenen, ungleichen Wuchsstoffkonzentrationen an Licht- und Schattenseite ebenso gross wie das Verhältnis zwischen dem Wuchsstoffreaktionsvermögen an Licht- und Schattenseite (§ 34). Die Lichtwachstumsreaktionen stehen mit der Auxinkonzentration in umgekehrter Proportionalität (§ 35). Daher wird bei einseitiger Beleuchtung die Wirkung des Went-Effektes von der Spitze nach der Basis des Hypokotyls zu immermehr verstärkt. Das Wachstum im Lichte ist proportional dem Quadrat der Wuchsstoffkonzentration, Das Wachstum im Dunkeln steht dagegen zur Konzentration in linearer Proportionalität (§ 36). Die auf Grund der obigen Befunde berechnete phototropische Krümmung stimmt recht gut mit der tatsächlich wahrgenommenen überein (§ 36). Schliesslich wurde mit Hilfe eines Zellwand-Modells erörtert, wie man sich den Mechanismus des Phototropismus vorstellen kann (§ 38). Es hat sich gezeigt, dass bei Raphanus-Hypokotylen beim Zustandekommen einer positiven phototropischen Krümmung nicht nur die ungleiche Verteilung des Wuchsstoffes (mit Went-Effekt bezeichnet) eine Rolle spielt (Went’s Theorie), sondern dass dann auch das Reaktionsvermögen für Wuchsstoff im Hypokotyl ungleich verteilt ist, und somit auch von Bedeutung ist beim Zustandekommen der phototropischen Krümmung. In Folge des Went-Effektes gelangt an die Schattenseite des Hypokotyls mehr Wuchsstoff als an die Lichtseite; die Verteilung des Wuchsstoffreaktionsvermögens ist derartig, dass die Schattenseite wuchsstoffempfindlicher ist als die Lichtseite. Die Wirkungen beider Erscheinungen verstärken sich also. Auch die Lichtwachtstumsreaktionen sind auf Änderungen des Wuchsstof freaktionsvermögens zurückzuführen. Die Blaauwschen Auffassungen, dass die phototropischen Krümmungen auf ungleiche Lichtwachtstumsreaktionen an Licht- und Schattenseite zurückzuführen sind, bestehen also zum Teil zurecht. Die Blaauwsche Theorie und die Theorie von Went sind also keine Antithesen, sondern die Grundgedanken beider Theorien ergänzen einander bei der Erklärung des Phototropismus der Raphanus- Hypokotyle. Herrn Professor Dr. F. A. F. C. Went in dessen Institut (Botanisch Laboratorium, Utrecht) diese Untersuchungen vorgenommen wurden, bin ich sehr zu Dank verpflichtet. Er hat mich fortwährend durch sein weitgehendes Interesse und seine wertvollen Ratschläge unterstützt und mich immer mit der grössten Bereitwilligkeit in den Stand gesetzt, die Versuche auf die erforderliche Weise einzurichten.